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Depersonalisation & Derealisation: Wenn sich alles unwirklich anfühlt

  • Autorenbild: Dr. med. Lienhard Maeck
    Dr. med. Lienhard Maeck
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Es gibt Erlebnisse, die machen Angst, weil sie so schwer zu erklären sind: Plötzlich wirkt die Umgebung wie durch eine Glasscheibe. Geräusche klingen gedämpft, Farben „stimmen“ irgendwie nicht, Menschen sehen aus wie in einem Film. Oder man selbst fühlt sich fremd, wie auf Autopilot, als würde man dem eigenen Leben zuschauen.


Wenn Sie solche Depersonalisations-/Derealisationssymptome kennen: Das ist oft extrem beunruhigend – und gleichzeitig eher kein Zeichen dafür, dass Sie „verrückt" werden. Depersonalisation und Derealisation gehören zu den sogenannten Dissoziations- bzw. Entfremdungserlebnissen. Sie können als Stressreaktion auftreten – manchmal kurz, manchmal hartnäckiger. Es gibt gute Wege, damit umzugehen und sie zu behandeln.  


Eine vertraute Strasse, vertraute Menschen – und doch wirkt alles wie hinter Glas.
Eine vertraute Strasse, vertraute Menschen – und doch wirkt alles wie hinter Glas.

Depersonalisation / Derealisation: Was ist das eigentlich?


Depersonalisation bedeutet: Ich selbst fühle mich unwirklich oder fremd – als wäre man nicht richtig im eigenen Körper, emotional „abgeschaltet“ oder beobachte sich von aussen. Wichtig: Viele Betroffene sagen nicht „Ich glaube, das ist nicht real“, sondern eher: „Es fühlt sich so an, als ob es nicht real wäre.“ Genau dieser Unterschied ist zentral.  


Derealisation bedeutet: Die Welt fühlt sich unwirklich an. Typische Derealisationssymptome sind z. B.:


  • „Wie im Traum / wie im Film“

  • „Alles ist weit weg / hinter Glas“

  • „Menschen wirken fremd oder wie Kulissen“

  • „Zeitgefühl ist verzerrt“

  • manchmal auch: visuelle Eindrücke wirken „flach“, „zu scharf“ oder „neblig“ (ohne dass die Augen krank sind)


Warum passiert das? Stress, Angst, Trauma – und die Neurobiologie dahinter


Derealisation / Depersonalisation kann auftreten bei starker Anspannung, Panik, dauerhaftem Stress, Erschöpfung, nach belastenden Ereignissen oder im Kontext von Traumafolgestörungen / PTBS. Man kann es sich vereinfacht wie einen Notfallmodus vorstellen: Das Gehirn versucht, Sie vor Überflutung zu schützen – indem es Wahrnehmung und Gefühle „runterregelt“. Kurzfristig kann das wie ein Schutzschalter wirken. Leider fühlt es sich dabei oft so an, als wäre man vom Leben abgekoppelt.  

Neurobiologisch wird in aktuellen Modellen häufig beschrieben:


  • eine Art „Top-down“-Bremse: Bereiche im (prä-)frontalen Kortex regulieren emotionale Alarmsysteme stark herunter – dadurch weniger fühlbare Emotion, aber auch weniger „Lebendigkeit“.  

  • veränderte Zusammenarbeit in Netzwerken, die wichtig sind für Selbstbezug, Körpergefühl und Bedeutungszuweisung – u. a. im Default Mode Network (Selbst/Innenwelt) und Salience Network (Wichtigkeit/Alarm, u. a. Insula und (mid-)cinguläre Areale).  


Spannend (und wichtig für Betroffene): Neuere Bildgebungsstudien deuten darauf hin, dass es bei Depersonalisation / Derealisation nicht nur „zu viel“ oder „zu wenig“ Aktivität in einzelnen Hirnarealen gibt, sondern dynamische Muster: Netzwerke wechseln anders zwischen Zuständen, was erklären könnte, warum Symptome wellenartig kommen und gehen oder sich in Stress verstärken.  


Und noch etwas Praktisches: Wenn Sie Dissoziationserlebnisse bemerken, ist Ihr System oft schon lange über der Belastungsgrenze, auch wenn Sie „im Kopf“ noch funktionieren. Depersonalisation / Derealisation sind dann weniger ein Rätsel – und mehr ein Hinweis: Hier braucht etwas Schutz, Regulation und Hilfe.


Was es nicht ist (und warum das beruhigen darf)


Viele haben die Sorge: „Ist das eine Psychose?“ Bei Depersonalisation / Derealisation ist die Realitätsprüfung typischerweise intakt: Man spürt Unwirklichkeit, aber man weiss, dass es ein Symptom ist. Bei psychotischen Zuständen kann diese Einordnung stark beeinträchtigt sein (z. B. feste Überzeugungen, die sich nicht korrigieren lassen).  

Das heisst nicht, dass Depersonalisation / Derealisation „harmlos“ sind – sie können sehr quälend sein. Aber sie sind häufig behandelbar und treten oft zusammen mit Angst, Depression, Panik oder Trauma-Folgesymptomen auf.  


Umgang & Therapie: Was im Moment hilft – und was langfristig wirkt


Wenn Depersonalisation / Derealisation auftauchen, ist das Ziel meist nicht „wegdrücken um jeden Preis“, sondern den Alarm im Nervensystem zu senken und wieder mehr Boden unter die Füsse zu bekommen.


Akut (erste Hilfe im Moment):

  • Orientierung im Hier-und-Jetzt: Benennen Sie 5 Dinge, die Sie sehen, 4 die Sie fühlen, 3 die Sie hören … (klassisches Grounding, simpel – aber wirksam).

  • Körperkontakt zur Realität: kaltes Wasser über Hände, Füsse fest in den Boden drücken, einen Gegenstand mit Struktur (Schlüsselbund, Stoff) bewusst ertasten.

  • Atmung entdramatisieren: lieber langsam ausatmen als „viel einatmen“ (Ausatmen signalisiert dem Körper eher Entwarnung).

  • Satz, der entkatastrophisiert: „Das ist Derealisation. Unangenehm, aber nicht gefährlich. Es geht vorbei.“


Langfristig (damit es seltener wird und weniger Macht hat):

  • Psychotherapie, häufig mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen und körper-/achtsamkeitsbasierten Elementen: Katastrophengedanken („Ich verliere den Verstand“) werden überprüft, Vermeidung wird reduziert, Stressregulation aufgebaut.  

  • Oft hilft es, nicht nur das „Unwirklichkeitsgefühl“ zu behandeln, sondern das, was es antreibt: Zum Beispiel Panikattacken, Angststörungen oder Traumafolgestörungen / PTBS. Wenn die innere Alarmbereitschaft nachlässt, werden auch Depersonalisations-/Derealisationssymptome bei vielen Menschen seltener und schwächer.

  • Schlaf, Substanzen, Überlastung: Schlafmangel, Cannabis und andere Substanzen können dissoziatives Erleben verstärken oder triggern – hier lohnt sich ein ehrlicher Blick ohne Selbstvorwurf.  


Medikamente? Es gibt kein „Standardmedikament“, das zuverlässig nur Depersonalisation / Derealisation ausschaltet. Manchmal werden Medikamente eingesetzt, um Begleitprobleme wie starke Angst/Depression zu behandeln. In der Literatur werden auch einzelne Substanzen wie Opioid-Antagonisten (z. B. Naltrexon/Naloxon) diskutiert, aber die Evidenz ist begrenzt und das gehört in fachärztliche Hände.


Wenn Sie das Gefühl haben, Sie „funktionieren“ nur noch oder Sie meiden immer mehr Situationen: Das ist ein guter Zeitpunkt, sich Unterstützung zu holen. Nicht weil es erst „schlimm genug“ sein muss – sondern weil Sie es nicht allein aushalten müssen.


FAQ


Ist das Psychose?

Meist nein. Bei Derealisation/Depersonalisation bleibt die Realitätsprüfung erhalten: Sie erkennen, dass es sich um ein Symptom handelt („fühlt sich unwirklich an“ statt „ist unwirklich“). Wenn zusätzlich Halluzinationen, feste wahnähnliche Überzeugungen oder starke Denkzerfahrenheit auftreten, sollte das rasch fachärztlich abgeklärt werden.  


Kann das von Panik kommen?

Ja. Depersonalisations-/Derealisationssymptome sind bei Panikattacken häufig: Der Körper schaltet auf Alarm, falsches Atmen und Anspannung verändern die Wahrnehmung, und das Gehirn kann „entkoppeln“, um Überflutung zu dämpfen. Das ist unangenehm – aber erklär- und behandelbar.  


Disclaimer: Dieser Blogbeitrag dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Beratung durch einen Arzt oder Therapeuten.

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