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Anorexia nervosa: Wenn Kontrolle zur Falle wird – und wie der Weg zurück aussehen kann

  • Autorenbild: Dr. med. Lienhard Maeck
    Dr. med. Lienhard Maeck
  • 21. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

„Ich hab’s im Griff.“ Dieser Satz taucht bei Anorexia nervosa erstaunlich oft auf – und ist gleichzeitig ein Hinweis darauf, wie heimtückisch die Erkrankung sein kann. Denn Anorexie hat selten etwas mit „Eitelkeit“ oder „einfach nicht essen wollen“ zu tun. Viel häufiger geht es um Angst, um Selbstwert, um das Gefühl, endlich etwas steuern zu können, wenn innen drin alles wackelt. Anorexia nervosa ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung – mit körperlichen Risiken. Und: Sie ist behandelbar. Auch wenn sich das am Anfang nicht so anfühlt.


Der Ausstieg aus der Anorexie beginnt häufig mit kleinen, aber konsequenten Mahlzeiten.
Der Ausstieg aus der Anorexie beginnt häufig mit kleinen, aber konsequenten Mahlzeiten.

Was genau ist Anorexia nervosa?

Anorexia nervosa bedeutet nicht „kein Appetit“. Es bedeutet, dass Essen (und das eigene Gewicht) eine zentrale Bühne im Leben einnimmt – oft verbunden mit starken Ängsten.


Diagnostisch geht es – vereinfacht – um drei Kernpunkte: eine deutliche Einschränkung der Energieaufnahme mit signifikant niedrigem Körpergewicht, eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme (oder Verhalten, das Gewichtszunahme verhindert), und eine verzerrte Wahrnehmung des Körpers bzw. ein sehr starker Einfluss von Figur/Gewicht auf den Selbstwert. Man unterscheidet ausserdem einen restriktiven Typ und einen Binge-Eating/Purging-Typ. 


Wichtig: Anorexie kann Menschen aller Geschlechter treffen. Und sie kann auch dann vorliegen, wenn jemand nicht „klischeehaft“ extrem dünn wirkt. In ICD-11 wird z.B. zwischen „signifikant niedrigem“ und „gefährlich niedrigem“ Körpergewicht unterschieden; als häufig genannte Schwelle für „gefährlich niedrig“ wird ein BMI unter 14 kg/m² bei Erwachsenen beschrieben.   


Warum fühlt sich die Krankheit oft „richtig“ an?

Anorexie arbeitet gern mit einer Art innerem Belohnungssystem: Verzicht fühlt sich an wie Stärke, Kontrolle wie Sicherheit, die Waage wie ein (scheinbar) objektiver Richter. Gleichzeitig wird die innere Welt oft enger: Gedanken kreisen um Kalorien, Regeln, Sport, „gut“ vs. „schlecht“. So entsteht ein Teufelskreis:


Weniger essen → kurzfristig weniger Angst/mehr Kontrolle → langfristig mehr Zwang, mehr sozialer Rückzug, mehr körperliche und seelische Erschöpfung.


Unterernährung verändert auch das Denken und Fühlen. Konzentration, Stimmung, Schlaf, Reizbarkeit – vieles hängt plötzlich mit dem Essen zusammen, selbst wenn es „psychisch“ begonnen hat. Das ist kein Charakterfehler, sondern Biologie plus Psychologie.


Diagnostik: Was wird angeschaut (und warum so „viel Medizin“ dazugehört)

Eine gute Diagnostik schaut nicht nur auf Gewicht, sondern auf den ganzen Menschen: Essverhalten, Gedanken, Ängste, mögliche Auslöser, Komorbiditäten (z. B. Depression, Angst, Zwang) – und unbedingt auch die körperliche Sicherheit.


Leitlinien empfehlen zu Beginn u. a. eine medizinische Basisdiagnostik mit Vitalwerten (Puls, Blutdruck), körperlicher Untersuchung, EKG sowie Laborwerten (z. B. Elektrolyte wie Natrium, Kalium, Magnesium, Phosphat, Nieren- und Leberwerte, Schilddrüse). 

Das Ziel dahinter ist nicht „Kontrolle von aussen“, sondern Schutz: Der Körper kann unter Unterernährung und ggf. Erbrechen/Laxanzien/Diuretika ernsthaft aus dem Gleichgewicht geraten.


Ein wichtiges Stichwort ist das Refeeding-Syndrom: Wenn nach längerer Mangelernährung wieder mehr Energie zugeführt wird, können Elektrolyte (v. a. Phosphat) rasch abfallen – selten, aber potenziell lebensgefährlich. Deshalb wird in der Wiederernährungsphase eine engmaschige Überwachung empfohlen. 


Behandlung: Was wirklich hilft – und warum „einfach mehr essen“ nicht reicht

Gewichtsstabilisierung und regelmässige Ernährung sind zentral. Aber sie sind nur ein Teil des Ganzen. Behandelt wird nicht „die Zahl“, sondern die Angst, die Regeln, die Selbstkritik und die inneren Konflikte, die dahinterstehen.


Psychotherapie ist ein Kernbaustein. Für Erwachsene gibt es gute Evidenz z. B. für die essstörungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie (CBT-E); in Studien zeigte sie Wirksamkeit und u. a. eine raschere Gewichtszunahme sowie Verbesserung der essstörungsspezifischen Psychopathologie im Vergleich zu optimierter Routinebehandlung. Je nach Person und Setting können auch andere spezialisierte Verfahren sinnvoll sein (z. B. fokale psychodynamische Ansätze oder supportive klinische Konzepte). 


Bei Kindern und Jugendlichen ist die Einbeziehung der Familie oft entscheidend – nicht als „Schuldfrage“, sondern als Ressource: Eltern/Bezugspersonen können helfen, den Alltag mit Essen zu entlasten, bis das Gehirn wieder genug Energie hat, um Therapie wirklich nutzen zu können. Leitlinien betonen in (teil-)stationären Programmen ausdrücklich die Einbeziehung der Familie, zumindest bei Kindern und Jugendlichen. 


Behandlungssettings reichen von ambulant über tagesklinisch bis stationär. Eine tagesklinische „Step-down“-Behandlung nach kurzer stationärer Stabilisierung kann bei Jugendlichen ähnlich wirksam sein wie eine durchgehend stationäre Behandlung – bei oft besserer Anbindung an Alltag und Familie. 


Wann stationär? Typische Gründe sind z. B. rascher/anhalten­der Gewichtsverlust, sehr niedriges Gewicht (bei Erwachsenen z. B. BMI < 15 kg/m²), fehlende Gewichtszunahme trotz ambulanter/tagesklinischer Behandlung, schwere psychische Komorbidität, Suizidalität oder körperliche Komplikationen. 


In spezialisierten stationären Programmen werden klare, aber nicht „kalte“ Strukturen empfohlen: Essbegleitung, Vereinbarungen zu Zielgewicht und wöchentlicher Gewichtszunahme, regelmässige medizinische Visiten und Psychotherapie. 

Als Orientierungswert werden im stationären Setting häufig 500–1000 g Gewichtszunahme pro Woche genannt; gewogen wird typischerweise morgens, nüchtern, in leichter Kleidung.   


Und auch hier gilt: Strukturen sollen Ängste auffangen – zu rigide Programme ohne psychotherapeutische Arbeit können wiederum vordergründig funktionieren und danach Rückfälle begünstigen. 


Wenn Sie sich Sorgen machen: ein vorsichtiger, hilfreicher erster Schritt

Wenn Sie selbst betroffen sind (oder bei jemandem in Ihrem Umfeld Anzeichen sehen), heisst der erste Schritt nicht „Therapie für immer“, sondern ein Gespräch. Eine Hausärztin/ein Hausarzt, eine psychotherapeutische Sprechstunde, eine spezialisierte Essstörungsambulanz – Hauptsache, nicht allein bleiben.


Akut wichtig ist Hilfe, wenn es Anzeichen für körperliche Entgleisung gibt (z. B. Ohnmacht, Brustschmerz, Herzrasen, schwere Schwäche) oder Suizidgedanken. In der Schweiz gilt: Bei akuter Not 144. Wenn Sie jemanden zum Reden brauchen: Dargebotene Hand 143 (24/7). Für Kinder und Jugendliche: Pro Juventute 147 (24/7). 

Disclaimer: Dieser Blogbeitrag dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Beratung durch einen Arzt oder Therapeuten.

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