Warum sich gerade so viele Menschen psychisch leer fühlen – auch ohne eigene Krise
- Dr. med. Lienhard Maeck

- vor 5 Stunden
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In psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen zeigt sich seit einiger Zeit ein bemerkenswertes Muster: Menschen berichten von einem diffusen Gefühl innerer Leere – ohne dass sie eine konkrete Krise benennen könnten. Keine dramatische Trennung, kein Jobverlust, keine schwere Erkrankung. Auf dem Papier ist alles erstaunlich stabil. Und doch fehlt etwas Wesentliches: Lebendigkeit. Viele beschreiben es ähnlich: Man funktioniert, erledigt, organisiert, reagiert. Aber innerlich fühlt es sich an, als hätte jemand den Ton leiser gedreht. Nicht stumm – aber deutlich gedämpft. Ein emotionales Vakuum mitten im scheinbar gut laufenden Alltag. Was also steckt dahinter?

Die Erschöpfung der permanenten Optimierung
Unsere Gesellschaft hat einen leisen, aber hartnäckigen Imperativ etabliert: effizient sein, sich verbessern, dranbleiben. Stillstand gilt als Rückschritt, Pausen als verdächtig. Selbst Erholung muss heute produktiv sein – Stichwort Self-improvement - am besten messbar und Instagram-tauglich.
Dieser Daueranspruch kostet. Chronischer Stress, auch deutlich unterhalb der klassischen Burnout-Schwelle, zehrt langfristig an emotionalen Ressourcen. Das Nervensystem bleibt im Alarmmodus, ohne je wirklich entlastet zu werden. Die Folge ist kein dramatischer Zusammenbruch, sondern etwas viel Unauffälligeres: emotionale Abflachung. Man lebt – aber spürt sich kaum noch.
Social Media wirkt hier wie ein Verstärker. Die permanente Konfrontation mit kuratierten Lebensläufen, Erfolgen und Glücksmomenten erzeugt einen Vergleich, den man nur verlieren kann. Nicht, weil mit dem eigenen Leben objektiv etwas nicht stimmt – sondern weil es im Vergleich selten spektakulär genug wirkt. Studien zeigen entsprechend Zusammenhänge zwischen intensivem Social-Media-Konsum, erhöhten Depressionswerten und geringerem Selbstwert. Nicht durch einzelne Katastrophen, sondern durch die tägliche Dosis „He, Du könntest mehr sein!“.
Das Paradox der Vernetzung: gemeinsam einsam
Noch nie waren Menschen so gut vernetzt – und noch nie so einsam. Digitale Kontakte nehmen zu, echte Verbundenheit nimmt ab. Das „Like“, die kurze Reaktion, die flüchtige Sprachnachricht vermitteln Nähe, ohne sie wirklich herzustellen.
Aus neurobiologischer Sicht ist der Unterschied relevant: Echter sozialer Kontakt aktiviert Belohnungssysteme, senkt Stresshormone und vermittelt Sicherheit. Digitale Interaktion kann das nur begrenzt ersetzen. Sie ist wie Instantkaffee für das Bindungssystem: besser als nichts, aber kein echtes Gegenüber.
So entsteht eine paradoxe Situation: Man ist ständig erreichbar und fühlt sich doch emotional isoliert. Und ohne Resonanz – ohne das Erleben, wirklich gesehen und verstanden zu werden – verliert das emotionale Erleben an Tiefe. Leere ist dann nicht Abwesenheit von Menschen, sondern Abwesenheit von Verbindung.
Sinnkrisen im Autopilot-Modus
Viktor Frankl beschrieb bereits das „existenzielle Vakuum“ – ein Gefühl von Sinnlosigkeit, das entsteht, wenn das Leben keine tragfähige Antwort mehr auf das „Wozu?“ bereithält. In der modernen Alltagsroutine bekommt dieses Vakuum eine neue Form.
Arbeit wird häufig nicht mehr als sinnstiftend erlebt, sondern als notwendige Funktion. Tage ähneln einander, Wochen verschwimmen, Entwicklung fühlt sich optional an. Es fehlt nicht unbedingt an Beschäftigung – sondern an Bedeutung.
Diese Sinnkrisen kommen selten mit Knall. Kein dramatischer Wendepunkt, kein klarer Bruch. Stattdessen schleicht sich eine leise, unbequeme Frage ein: Soll das jetzt die nächsten 20 Jahre so weitergehen? Eine Frage, die man gern wegschiebt – und die trotzdem bleibt.
Materialismus als emotionaler Lückenfüller
Unsere Kultur verspricht Glück über Besitz, Status und Optimierung. Die Forschung ist hier ernüchternd eindeutig: Materielle Gewinne machen kurz froh – und dann erstaunlich schnell wieder gleichgültig. Hedonische Adaptation nennt sich das. Das neue Auto, die grössere Wohnung, das neueste Gerät: emotional wirksam für Wochen, manchmal Tage.
Was Konsum nicht liefern kann, sind Verbundenheit, Sinn und authentischer Selbstausdruck. Wenn diese Grundbedürfnisse dauerhaft zu kurz kommen, wirkt Materialismus wie ein hübsches Pflaster auf einer tieferen Leerstelle.
Hinzu kommt ein ausgeprägter Individualismus: Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich – bitte effizient, resilient und möglichst ohne andere zu belasten. Unterstützungssysteme bröckeln, Gemeinschaft wird optional. Die Last der Lebensgestaltung liegt zunehmend beim Einzelnen. Für viele ist das schlicht zu viel.
Psychologische Mechanismen: Die Kosten der Verdrängung
Auf individueller Ebene verstärken mehrere psychologische Prozesse das Erleben innerer Leere.
Emotionale Verdrängung ist zentral. In einer Kultur, die Positivität einfordert und negative Gefühle schnell problematisiert, lernen viele Menschen, Unangenehmes wegzudrücken. Langfristig hat das einen Preis: Wer negative Emotionen konsequent dämpft, dämpft meist auch die positiven. Zurück bleibt das bekannte „emotional Numbing“.
Kognitive Verzerrungen tun ihr Übriges. Katastrophisieren, Alles-oder-nichts-Denken oder chronische Selbstabwertung färben die Wahrnehmung ein. Wer sich dauerhaft als unzureichend erlebt, kann schwer emotional aufblühen.
Und schliesslich: fehlende Stressbewältigung. Viele Menschen haben nie gelernt, Belastung konstruktiv zu regulieren. Stattdessen wird vermieden, betäubt oder abgelenkt – mit kurzfristiger Entlastung und langfristiger Leere.
Was bedeutet das für die therapeutische Praxis?
Innere Leere ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein verständliches Symptom in einer überfordernden Umwelt. Therapeutisch bedeutet das vor allem:
Normalisieren, ohne zu bagatellisieren.
Verstehen, statt vorschnell zu reparieren.
Zusammenhänge sichtbar machen.
Ressourcen und echte Bedürfnisse wieder freilegen.
Psychoedukation wirkt hier oft bereits entlastend: Viele Menschen sind erleichtert, wenn sie verstehen, warum sie sich so fühlen – und dass sie damit nicht allein sind.
Ausblick: Wege aus der Leere
Innere Leere verschwindet selten durch Ablenkung. Sie verändert sich durch ehrliche Auseinandersetzung. Therapeutische Ansätze wie Akzeptanz- und Commitment-Therapie, existenzielle Psychotherapie oder tiefenpsychologische Verfahren bieten wirksame Wege, um wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen.
Die gute Nachricht: Innere Leere ist behandelbar. Sie verlangt Mut, Geduld und manchmal professionelle Unterstützung. Aber sie ist kein unausweichliches Schicksal unserer Zeit – sondern ein Signal. Und Signale lassen sich lesen.
Disclaimer: Dieser Blogbeitrag dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Beratung durch einen Arzt oder Therapeuten.



