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Psychotherapie – wozu das Ganze eigentlich?

  • Autorenbild: Dr. med. Lienhard Maeck
    Dr. med. Lienhard Maeck
  • vor 2 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Viele Menschen kommen mit einer ähnlichen Frage in die Praxis: „Ich weiss, dass es mir nicht gut geht – aber wozu soll ich das jetzt alles aussprechen? Ändert das überhaupt etwas?“ Die kurze, ehrliche Antwort: Psychotherapie ist nicht „nur reden“. Sie ist ein gezielter Prozess, der hilft, innere Muster zu verstehen, neue Erfahrungen zu machen – und dadurch im Alltag anders handeln, fühlen und denken zu können. Und ja: Für viele psychische Beschwerden ist ihre Wirksamkeit gut belegt. Psychotherapie hat dabei einen Sinn, der oft unterschätzt wird: Sie schafft einen Ort, an dem Sie mit dem, was in Ihnen passiert, nicht allein bleiben müssen – und gleichzeitig Schritt für Schritt wieder handlungsfähiger werden.


Wenn Gedanken sich verknoten: Psychotherapie hilft, Muster zu verstehen, Gefühle zu sortieren und wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen – Schritt für Schritt.
Wenn Gedanken sich verknoten: Psychotherapie hilft, Muster zu verstehen, Gefühle zu sortieren und wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen – Schritt für Schritt.

Sinn 1: Verstehen, was in Ihnen passiert – ohne sich dafür zu verurteilen


Psychische Symptome wirken oft wie ein Rätsel: Warum reagiere ich so heftig? Wieso kann ich „es“ nicht einfach lassen? Weshalb fühlt sich selbst ein normaler Tag an wie ein Marathon in Skischuhen? Ein wichtiger Sinn von Psychotherapie ist, aus dem Rätsel eine nachvollziehbare Geschichte zu machen. Nicht im Sinne einer „Ausrede“, sondern als Landkarte: Welche Situationen lösen etwas aus? Welche Gedanken schiessen automatisch durch den Kopf? Welche Gefühle werden schnell zu viel – oder sind kaum spürbar? Welche Strategien helfen kurzfristig, kosten aber langfristig? Dieses Verstehen ist nicht bloss Kopfsache. Es entlastet. Denn oft entsteht Druck aus der Idee, man müsse „nur stärker“ oder „einfach normal“ sein. Psychotherapie setzt stattdessen dort an, wo es wirklich sinnvoll ist: bei den Mechanismen, die Ihr Nervensystem, Ihre Erfahrungen und Ihre aktuellen Belastungen miteinander verknüpfen.


Sinn 2: Neue Erfahrungen machen – nicht nur neue Einsichten sammeln


Viele kluge Menschen wissen schon sehr genau, warum sie so fühlen, wie sie fühlen – und leiden trotzdem. Psychotherapie ist deshalb mehr als Analyse: Sie ist ein Übungsraum für neue Erfahrungen. Das kann bedeuten:


  • Gefühle wahrzunehmen, ohne von ihnen überrollt zu werden.

  • Gedanken als Gedanken zu erkennen (statt als unumstössliche Fakten).

  • Grenzen zu setzen, ohne sich danach tagelang schuldig zu fühlen.

  • Nähe zuzulassen, ohne innerlich sofort auf Alarm zu schalten.


Diese Veränderungen passieren nicht über Nacht, sondern durch Wiederholung, Sicherheit und passende Werkzeuge. In vielen Therapieverfahren – ob kognitiv-verhaltenstherapeutisch, psychodynamisch, schematherapeutisch, systemisch oder anders – geht es am Ende darum, dass Sie im Hier und Jetzt neue Möglichkeiten erleben. Genau das macht Veränderung stabil.


Sinn 3: Beziehung als Wirkfaktor – warum „es muss passen“ nicht esoterisch ist


Manchmal klingt es banal: „Die Chemie muss stimmen.“ In der Psychotherapie ist das jedoch nicht nur Bauchgefühl, sondern ein ernstzunehmender Wirkfaktor. Forschung zeigt seit Langem, dass sogenannte „gemeinsame Faktoren“ wie therapeutische Allianz, Empathie, Zusammenarbeit und Hoffnung einen wichtigen Beitrag zum Therapieerfolg leisten. Was heisst das praktisch? Eine gute therapeutische Beziehung ist nicht „nett“, sondern wirksam, weil sie etwas ermöglicht, das im Alltag oft fehlt: Sie dürfen ehrlich sein, ohne dafür bestraft zu werden. Sie können Dinge ausprobieren, ohne dass gleich alles kippt. Und Sie bekommen ein Gegenüber, das hilft, Muster sichtbar zu machen – auch die, die man selbst nicht so leicht erkennt. Das ist übrigens auch der Grund, warum ein Wechsel der Therapeutin oder des Therapeuten manchmal kein Scheitern ist, sondern ein sinnvoller Schritt. Nicht jede Passung ist automatisch gegeben – und das ist menschlich.


Sinn 4: Symptomlinderung – und etwas, das noch wichtiger ist: Rückfallprophylaxe


Natürlich ist ein zentraler Sinn von Psychotherapie, Beschwerden zu verringern: depressive Symptome, Angst, Zwänge, Trauma-Folgen, Essstörungen, somatoforme Beschwerden und vieles mehr. Grosse Übersichtsarbeiten und Leitlinien kommen insgesamt zu dem Schluss, dass Psychotherapien bei vielen Störungsbildern wirksam sind und häufig zu den empfohlenen Behandlungen gehören. Was dabei manchmal übersehen wird: Psychotherapie zielt oft nicht nur auf „weniger Symptome“, sondern auf mehr innere Freiheit. Also darauf, wieder Wahlmöglichkeiten zu haben: „Mache ich das aus Angst – oder aus Überzeugung?“ „Sage ich Ja, weil ich will – oder weil ich mich nicht traue, Nein zu sagen?“ Und: Psychotherapie kann helfen, Rückfälle zu vermeiden, indem sie Frühwarnzeichen, Stressmuster und individuelle „Kipp-Punkte“ erkennbar macht und neue Bewältigungsstrategien verankert.


Woran merken Sie, dass Psychotherapie sinnvoll sein könnte?


Wenn Sie beim Lesen innerlich nicken, könnte das ein Hinweis sein:

Wenn Sie leiden – und es bleibt nicht bei einer „schlechten Woche“. Wenn Sie funktionieren, aber es kostet Sie unverhältnismässig viel. Wenn Sie immer wieder in denselben Konflikten landen (mit anderen oder mit sich). Wenn Sie vermeiden, betäuben, kontrollieren oder überfordern – und merken, dass es Sie langfristig teuer zu stehen kommt. Psychotherapie ist kein Luxus für „die ganz Kranken“ und auch kein Reparaturbetrieb für „die ganz Kaputten“ (Spoiler: die gibt’s nicht). Sie ist Gesundheitsversorgung – und manchmal schlicht ein Akt von Selbstfürsorge.


Ein letzter Gedanke: Der Sinn ist nicht, „ein anderer Mensch“ zu werden


Der Sinn von Psychotherapie ist selten, Ihre Persönlichkeit umzubauen. Es geht eher darum, wieder Zugang zu dem zu bekommen, was ohnehin in Ihnen steckt: Lebendigkeit, Klarheit, Selbstmitgefühl, Entscheidungsspielräume. Oder, alltagstauglich gesagt: dass Ihr inneres Team nicht mehr ständig Krisensitzung hat, sobald der Kalender „Montag“ anzeigt.


Disclaimer: Dieser Blogbeitrag dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Beratung durch einen Arzt oder Therapeuten.

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