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Warum so viele Erwachsene glauben, ADHS zu haben

  • Autorenbild: Dr. med. Lienhard Maeck
    Dr. med. Lienhard Maeck
  • 27. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Neulich in der Küche: Sie gehen los, um „nur kurz“ die Butter zu holen – und merken unterwegs, dass Sie gleichzeitig drei Dinge im Kopf haben: die Mail, die Sie noch beantworten müssen, den Termin später und die Frage, ob Sie eigentlich schon gegessen haben. Sie bleiben vor dem offenen Kühlschrank stehen, scrollen am Handy, verlieren den Faden – und finden sich fünf Sekunden später dabei wieder, wie Sie hektisch nach Ihrem Schlüssel suchen, obwohl Sie ihn gerade erst weggelegt haben. In solchen Momenten denken viele: Moment … ist das ADHS? Dass Erwachsene heute häufiger über ADHS nachdenken, hat mehrere Gründe – und nicht alle bedeuten automatisch, dass „plötzlich alle ADHS haben“. Vieles hat mit Sichtbarkeit, Lebensrealität und besserer Diagnostik zu tun. Und manchmal auch mit Social-Media-Algorithmen, die unsere Selbstbeobachtung in eine sehr bestimmte Richtung pushen.




Mehr Menschen erkennen sich wieder – weil ADHS bei Erwachsenen lange übersehen wurde


ADHS ist keine „Modekrankheit“, sondern eine neuroentwicklungsbedingte Störung, die typischerweise in der Kindheit beginnt – aber oft erst im Erwachsenenalter erkannt wird. Für Erwachsene gelten in den Diagnosekriterien zudem niedrigere Symptom-Schwellen als für Kinder (ab 17 Jahren reichen mindestens fünf Symptome in einem Bereich - Hyperaktivität und/oder Unaufmerksamkeit) - nicht sechs). 


Warum die späte Entdeckung? Weil ADHS bei Erwachsenen oft anders aussieht als das Klischee vom „Zappelphilipp“. Hyperaktivität kann sich im Erwachsenenalter eher als innere Unruhe, ständiges Getriebensein oder gedankliches „Dauerlaufen“ zeigen. Und viele Betroffene kompensieren jahrelang: mit Intelligenz, Perfektionismus, Humor, Nachtschichten kurz vor Abgabefristen – und einem inneren Dauerstress, den niemand sieht.


Besonders häufig wurde (und wird) ADHS bei Mädchen und Frauen übersehen, weil sie im Schnitt häufiger vor allem Unaufmerksamkeit zeigen und damit weniger auffallen. Das wird inzwischen stärker thematisiert – und führt zu mehr Abklärungen im Erwachsenenalter. 


Diagnosen und Medikation nehmen zu – aber das heisst nicht zwingend, dass die „wahre Häufigkeit“ explodiert


In mehreren europäischen Ländern ist die Nutzung von ADHS-Medikamenten in den letzten Jahren deutlich gestiegen, besonders bei Erwachsenen – und speziell bei Frauen. In Grossbritannien hat sich die Anwendung zwischen 2010 und 2023 z. B. mehr als verzwanzigfacht. 


Das ist ein echter Trend. Gleichzeitig sagen wissenschaftliche Übersichten: Zumindest aus den Daten nach 2020 lässt sich keine eindeutige Zunahme der ADHS-Prävalenz ableiten; es ist also nicht sicher, dass tatsächlich mehr Menschen ADHS haben als früher. Wahrscheinlicher ist: mehr Menschen werden erkannt, suchen Hilfe, bekommen Diagnosen und Behandlung. 


Man könnte es so zusammenfassen: Die Scheinwerfer sind heller geworden. Und plötzlich sieht man Dinge, die vorher im Dunkeln waren.


Unsere Lebenswelt ist ein ADHS-Verstärker – auch ohne ADHS


Selbst Menschen ohne ADHS erleben heute oft Symptome, die ADHS-ähnlich anmuten: Konzentrationsprobleme, Prokrastination, Reizüberflutung, „ich bin ständig beschäftigt und kriege trotzdem nichts fertig“.


Ein paar typische Verstärker unserer Zeit:


  • Dauerablenkung (Push-Nachrichten, Multitasking, endlose Feeds)

  • Arbeitsverdichtung und weniger klare Grenzen (Homeoffice, immer erreichbar)

  • Chronischer Stress – und Stress frisst Exekutivfunktionen zum Frühstück

  • Schlafmangel (der stärkste „Ich-habe-ADHS“-Imitator im Alltag)


Hier wird es knifflig: ADHS ist mehr als „ich bin unkonzentriert“. Entscheidend ist, ob die Schwierigkeiten dauerhaft, in mehreren Lebensbereichen auftreten (z. B. Arbeit und Alltag und Beziehungen) und ob es Hinweise gibt, dass ähnliche Probleme schon früher im Leben vorhanden waren.


Social Media: viel Aufklärung – und viel „Das bin ja ich!“ (manchmal zu schnell)


TikTok, Instagram & Co. haben psychische Gesundheit entstigmatisiert. Das ist ein Gewinn. Gleichzeitig funktionieren Plattformen über Wiedererkennung: Inhalte, die sich relatable anfühlen, werden häufiger geliked, geteilt – und dann noch mehr ausgespielt.


Die Forschung zeigt, dass Menschen mit ADHS-Selbstdiagnose ADHS-bezogene TikTok-Inhalte häufiger konsumieren und diese im Schnitt als hilfreicher/akkurater wahrnehmen als Personen ohne ADHS – und dass hoher Konsum mit höheren Schätzungen zur „ADHS-Häufigkeit“ einhergeht. In derselben Arbeit wird auch beschrieben, dass viele angebliche „ADHS-Symptome“ in populären Videos tatsächlich unspezifisch sind – also bei vielen Problemen vorkommen (und manchmal sogar normale menschliche Erfahrungswerte berühren). 


Das heisst zwar nicht, dass Social Media schuld ist. Es weist aber darauf hin, dass Social Media wie ein Verzerrungsglas wirken kann. Es kann den Impuls geben, sich abklären zu lassen, ersetzt aber keine Diagnostik.


Warum die Idee „Ich könnte ADHS haben“ trotzdem sinnvoll sein kann


Selbst wenn am Ende keine ADHS-Diagnose steht, ist die Frage oft ein Türöffner: Was genau läuft gerade schief – und warum? Manchmal steckt ADHS dahinter. Manchmal sind es aber auch Angststörungen, Depressionen, Traumafolgen, Autismus-Spektrum, Substanzkonsum, hormonelle/medizinische Faktoren, Schlafstörungen oder schlicht Überlastung. Häufig gibt es auch Mischbilder.


Eine gute Abklärung ist deshalb nicht nur ein „ADHS-Ja/Nein“, sondern eine Landkarte: Welche Muster gibt es? Seit wann? In welchen Situationen? Was verbessert es, was verschlechtert es?


Wie läuft eine seriöse Abklärung bei Erwachsenen typischerweise ab?


Ohne in Checklisten abzurutschen (die gibt es genug im Internet): Seriöse Diagnostik schaut meistens auf drei Dinge:


  1. Aktuelle Symptome und Alltagseinschränkungen (nicht nur „ich bin chaotisch“, sondern: welche Folgen hat das?)

  2. Entwicklungs- und Lebensgeschichte (Hinweise auf frühe Anzeichen, Schule, Familie, Arbeit)

  3. Differenzialdiagnosen & Komorbiditäten (was könnte es sonst noch sein, was ist zusätzlich noch da?)


Wenn Sie sich in ADHS wiedererkennen, ist das kein Beweis – aber ein legitimer Grund, genauer hinzuschauen. Und falls Sie beim Lesen denken „Oh nein, ich bilde mir das bestimmt nur ein“: Auch das ist ein häufiges Gefühl bei Menschen, die jahrelang gelernt haben, sich zusammenzureissen.


Ein freundlicher Realitätscheck zum Schluss


Dass mehr Erwachsene an ADHS denken, ist eine Mischung aus besserer Sichtbarkeit, besserer Diagnostik, veränderten Lebensbedingungen und digitaler Selbstbeobachtung. Die Daten sprechen eher dafür, dass wir mehr erkennen und mehr behandeln, nicht zwingend dafür, dass ADHS als Störung plötzlich „explodiert“. 


Und ganz pragmatisch: Wenn Sie Aufmerksamkeit, Organisation oder Impulsivität seit Jahren spürbar belasten, dann verdienen Sie Unterstützung – unabhängig davon, welches Etikett am Ende passt.

Disclaimer: Dieser Blogbeitrag dient nur zu Informationszwecken und ersetzt keine professionelle Beratung durch einen Arzt oder Therapeuten.

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